Online trauern – die moderne Seite der Erinnerungskultur

Wir sind alle ständig online, um uns zu informieren, zu amüsieren, einzukaufen oder mit anderen zu kommunizieren. Inzwischen hat auch das Trauern und Erinnern selbstverständlich einen Platz im Internet gefunden. Eine Betrachtung öffentlicher Trauer.

Trauer kommt im Netz auf ganz verschiedene Arten zum Ausdruck. Viele Menschen äußern sich in den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter, wenn sie trauern. Und das nicht nur, wenn sie von einem ihnen nahestehenden Menschen Abschied nehmen müssen – auch beim Tod mehr oder weniger berühmter Persönlichkeiten posten viele Ihre Trauer oder Anteilnahme. Ebenso wird nach Naturkatastrophen, Terroranschlägen oder anderen Unglücksfällen kollektiv öffentlich getrauert und der Opfer gedacht. Dabei geht es aber vor allem darum, ein Zeichen zu setzen und vielleicht mit einem Statement seine Gesinnung kundzutun. Obwohl bei der Mehrheit der Online-Community Einigkeit über den Sinn dieser Trauerbekundungen zu herrschen scheint, werden immer mal wieder einzelne Stimmen von Menschen laut, die sich davon distanzieren.

Eine weitere wichtige Variante des Online-Trauerns liegt in den persönlichen Gedenkseiten für Verstorbene in speziellen Gedenkportalen. Nachdem zunächst einige Verlage begonnen hatten, die gedruckten Traueranzeigen ihrer Zeitungen ins Internet zu stellen, entwickelten sich schnell verschiedene Gedenkportale, deren Gedenkseiten weit mehr Inhalt boten als nur die biografischen Daten des Verstorbenen und einen Trauerspruch. So können je nach Portal zum Beispiel Fotos oder Musikstücke hochgeladen, Anekdoten oder wichtige Stationen aus dem Leben des Verstorbenen geschildert oder virtuelle Kerzen angezündet werden. In der Regel sind Gedenkseiten mit Kosten oder hohem Werbeaufkommen verbunden, dennoch erfreut sich dieses Angebot grundsätzlich wachsender Beliebtheit. Aufgrund der großen Nachfrage haben heute einige Bestatter bereits eigene Gedenkportale und bieten bei einem Bestattungsauftrag den Trauernden als besonderen Service eine kostenlose persönliche Gedenkseite für den Verstorbenen.

Gedenkseiten halten die Erinnerung lebendig

Ein großer Vorteil der Gedenkseiten liegt darin, dass jeder Verstorbene so wesentlich länger im Fokus der Aufmerksamkeit bleibt. Früher beklagten manche Angehörige, dass schon kurze Zeit nach der Bestattung in ihrer Wahrnehmung das Umfeld einfach wieder zur Tagesordnung überging und der Verstorbene vermeintlich in Vergessenheit geriet.

Gedenkseiten bieten so viele Möglichkeiten, gemeinsam die Erinnerung an ein vergangenes Leben wachzuhalten, den Verstorbenen zu ehren und den Angehörigen Trost zu spenden und Mut zuzusprechen. Die Freunde und Bekannten der Trauernden können auf diesem Weg ihre Anteilnahme ausdrücken, ohne Gefahr zu laufen, einen unpassenden Moment zu erwischen. Wer möchte, hat hier die Gelegenheit, ganz persönliche Abschiedsworte an den Verstorbenen zu richten. Die so geteilte Trauer und der häufig rege Austausch untereinander können für alle Beteiligten auch noch lange nach der Beisetzung eine wertvolle Hilfe sein.

Natürlich wird nicht jede Seite gleich häufig frequentiert und auch die Zahl der Kondolenzeinträge oder der angezündeten virtuellen Kerzen variiert sicher erheblich. Immerhin sind auch die Trauergemeinschaften von Trauerfall zu Trauerfall sehr unterschiedlich zusammengesetzt. Zudem sollte jeder sich jeder Nutzer darüber im Klaren sein, dass ein Eintrag auf einer Gedenkseite den wichtigen persönlichen Kontakt zu Trauernden nur ergänzen und niemals ersetzen kann. Dennoch ist das Online-Trauern und Online-Gedenken eine bedeutsame Errungenschaft der modernen Trauerkultur. Und sicher hilft es uns allen auch, unserer Endlichkeit ihre verdiente Beachtung zu schenken.

Cathrin Gawlista

Foto: Rapid Data

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